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Grünen-Minister

„Meine Pflicht als Vater“ – Cem Özdemir eckt heftig an mit Beitrag zu Migration

Rassismus einerseits, sexuelle Belästigung andererseits: In einem Text über Migrationspolitik hat Cem Özdemir (Grüne) Erfahrungen seiner Tochter in den Mittelpunkt gestellt. Dafür erntet er Kritik.

Lob und Kritik: Cem Özdemir (Grüne) hat mit einem Gastbeitrag zum Thema Migration einen überraschenden Ton angeschlagen.
Lob und Kritik: Cem Özdemir (Grüne) hat mit einem Gastbeitrag zum Thema Migration einen überraschenden Ton angeschlagen.
Kay Nietfeld/dpa

Die Kritik an Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ist heftig. Dem Grünen-Politiker werden „Rassismus“ und die Förderung fremdenfeindlicher Stereotype vorgeworfen; „sexistische Klischees“ und „völkisches“ Denken – sowie nebenbei noch ein „Angriff auf den Sozialstaat“. Ausgelöst hat der Grünen-Politiker, der als Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 gilt, die Aufregung mit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Darin fordert Özdemir die Politik in Deutschland im allgemeinen und insbesondere die eigene Partei der Grünen dazu auf, sich einer ehrlichen Debatte zum Thema Migration zu stellen.

Der Kern seiner politischen Forderungen läuft darauf hinaus, das Asyl- und Migrationssystem neu auszurichten. „Im Kern geht es um einen sehr einfachen Grundkonsens: Wir müssen eine klare Grenze ziehen zwischen denen, die uns brauchen (Asylpolitik), und Menschen, die wir brauchen (Fachkräftezuwanderung)“, schreibt Özdemir. Und weiter: „Asyl und Arbeitsmigration müssen getrennt werden. Und für beides müssen wir die jeweiligen Spielregeln klarer definieren, mutiger vorantreiben und selbstbewusst vertreten. Wer einen wertvollen Teil zu unserem Land beitragen kann und will, ist willkommen. Wer nachweislich Schutz sucht, dem helfen wir. Für alle anderen haben wir keinen Platz.“ Die deutsche Politik habe sich zu lange diesem Thema nicht gestellt – die konservativen Parteien hätten die Realität einer Einwanderungsgesellschaft schlicht geleugnet, das liberale und progressive Lager sei nach dem Motto verfahren: „Das darfst du nicht sagen, das nützt den Rechten!“

Demokratie werde durch die AfD „akut angegriffen“

Erst aufgrund dieser Mechanismen seien radikale Kräfte wie die AfD so stark geworden – und jetzt die Demokratie auch in Deutschland nicht nur „unter Stress“, sondern „akut angegriffen“. Gerade grausame Straftaten wie die Messer-Attacke von Solingen müssten „wachrütteln“, weil jede Straftat, die sich in dieses Schema füge, Vertrauen koste. „Wir müssen wissen, wer im Land ist. Wir müssen dafür sorgen, dass nur die im Land sind, die hier sein dürfen. Bei denen, die hier sind, müssen wir in die Integration und Identifikation mit unseren Werten investieren. Und mit Vehemenz als Aufnahmegesellschaft einfordern, was es dafür braucht: Sprache, Arbeit, Bekenntnis zum Grundgesetz!“, schreibt Özdemir, der zugleich wenig verblümt einer Koalition zwischen Union und Grünen das Wort redet. „Ein demokratischer Schulterschluss zwischen progressivem und konservativem Lager“ sei dazu geeignet, einen „demokratischen Aufbruch“ zu schaffen.

Tochter als Opfer von Rassismus – und sexueller Belästigung

Neben dieser politischen Ebene hat der Gastbeitrag allerdings auch eine sehr persönliche Dimension – und die ist es, an der sich viele Kritiker reiben. Denn Özdemir spricht von seiner Familie, von seinen Erfahrungen als Sohn türkischer Einwanderer im schwäbischen Bad Urach – und von seiner Rolle als Vater einer 18-jährigen Tochter. Ausführlich beschreibt er, was die junge Frau in Deutschland erlebt: Auf der einen Seite rassistische Beleidigungen und heftige Anfeindungen, etwa beim Urlaub mit einer dunkelhäutigen Freundin an der Ostsee. Aber andererseits eben auch sexuelle Belästigungen durch junge Männer mit Migrationshintergrund in Berlin. „Gegen solche Übergriffe hat sie sich, wie viele Frauen, das sprichwörtliche dicke Fell zugelegt. Doch ich spüre, wie sie das umtreibt. Und wie enttäuscht sie ist, dass nicht offensiver thematisiert wird, was dahintersteckt: die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern“, schreibt Özdemir. „Sie redet nicht gern über diese Erlebnisse. Wenn sie davon erzählt, zögert sie, weil sie nicht möchte, dass Rechtsradikale daraus Kapital schlagen.“ Deutschland habe sich spürbar verändert, folgert Özdemir. „Ich kann die Erfahrungen meiner Tochter nicht ignorieren. Als Vater will ich es nicht, als Politiker darf ich es nicht.“

Die Kritik von linken Autorinnen und Autoren sowie Aktivistinnen und Aktivisten ließ nicht lange auf sich warten. „Das Problem für unsere Töchter sind nicht irgendwelche Muslime in Deutschland, sondern Rechtsextremisten, die Kindern, die nicht arisch sind, die Lebenschancen absprechen und die Macht übernehmen werden, weil migrantisierte Politiker wie du umfallen“, schrieb der Berliner SPD-Politiker Orkan Özdemir. „Sorge um die Tochter wegen illegaler Migranten ist nun wirklich das sexistischste, rassistischste Klischee schlechthin“, schrieb die Historikerin Annika Brockschmidt. Der Historiker Jürgen Zimmerer nannte Özdemir „ein Gesicht der völkischen Wende in der Bundesrepublik“. Auffällig: Namhafte Grünen-Politiker sind allerdings bisher nicht unter den Kritikern zu finden.

„Mein FAZ-Beitrag scheint viele zu bewegen. Dafür bin ich dankbar – genauso wie für konstruktive Kritik“, schrieb Özdemir auf der Plattform X (ehemals Twitter) und verwies auf den Originaltext. Viele hätten diesen, so argumentierten Stimmen, die Özdemir verteidigten, wohl gar nicht gelesen,