Kaffeegeruch breitet sich aus im Büro von Oliver Kraft. Es ist Donnerstagmorgen. Kraft — graue Haare, grauer Pullover und Jeans — sitzt an seinem Schreibtisch. Der Raum ist schmal. Seit fast 20 Jahren arbeitet er im Jobcenter. Seit 2015 ist er im speziell für Geflüchtete gegründeten Team des Jobcenters im Berliner Bezirk Steglitz–Zehlendorf, das alle Klienten betreut, die Sprachförderung brauchen — auch Menschen aus der EU und solche, die keinen Fluchtstatus haben.
Arbeiten und Sprache lernen in einem Aufwasch
Als im Oktober Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) überraschend den sogenannten Jobturbo ankündigte, mit dem Geflüchtete schneller in Arbeit gebracht werden sollen, „hat das ein paar schlaflose Nächte bei mir erzeugt“, erinnert sich der Arbeitsvermittler. Stellen für Personen mit A2–Deutsch–Niveau gebe es kaum. A2 erlaubt Verständigung in einfachen, routinemäßigen Situationen und die Beschreibung von Dingen im Zusammenhang mit den unmittelbaren Bedürfnissen. An diesem Tag trifft Kraft nun einige Kunden, denen er eröffnen muss, dass sie nicht erst Deutsch lernen sollen und danach arbeiten, sondern beides gleichzeitig. Ob seine Argumente ziehen, wird er schnell merken.
Zum Zischen der Kaffeemaschine betritt Soha Ghafoori, 31, den Raum. Der Jobturbo bleibt unerwähnt, weil die Iranerin gleich zu Beginn sagt, dass sie wieder als Friseurin arbeiten will. Seit sechs Jahren ist Ghafoori in Deutschland, lernte die Sprache — und versuchte, eine Stelle zu finden. „Ich bin seelisch müde“, sagt sie und streicht sich die blondierten Haare hinters Ohr. Sie dachte über einen Berufswechsel zur Bauzeichnerin nach, doch ihr Abitur gilt in Deutschland nur als mittlerer Schulabschluss. Noch ein Problem: Sie hat seit vier Jahren nicht gearbeitet, ihre Friseurausbildung und fünf Jahre Arbeitserfahrung im Iran werden ebenfalls nicht anerkannt. „Die gesetzliche Maßgabe ist, dass sie so als ungelernt gilt“, erklärt Kraft.
Viele Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt
Doch die junge Frau hat genug von der Arbeitslosigkeit. Aus einem Ordner mit Klarsichtfolien, in denen der Schriftverkehr mit deutschen Behörden und Nachweise fein säuberlich geordnet sind, zieht sie einen Flyer für eine Weiterbildung an einer Friseurschule. Kraft prüft das Angebot. „Das wollen Sie machen, das soll es sein?“, vergewissert er sich. Sie nickt. Er druckt den Bildungsgutschein aus. Und sagt später: „Das ist nicht ganz billig. Aber ich war so überrascht von der Entwicklung. Und sie braucht das, da spricht auch meine Erfahrung als Berater. Zumal sie danach direkt in den Job übergehen kann.“
Frust durch Unbedingt–arbeiten–wollen–aber–keine–Chance–bekommen
Die Vermittler haben einen Spielraum. Oft kennen sie ihr Gegenüber, wissen, was ihm vorschwebt. Sie bekommen den Frust mit, das Zweifeln, das Unbedingt–arbeiten–wollen–aber–keine–Chance–bekommen. Auch Soha Ghafoori saß schon weinend in diesem Büro. Nun aber steht ihr die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. „Na, da haben wir doch viel geschafft in vier Jahren“, sagt Kraft zu ihr.
Zwischen den Beratungen tippt er auf die Tastatur. Jeden Termin muss er vor– und nachbereiten, sodass auch eine Kollegin oder ein Kollege weiß, was vereinbart wurde. „Wir verbringen viel Zeit mit Verwaltungsarbeit. Rund die Hälfte meiner Arbeit sind Beratungen, die andere geht für die Vermerke drauf“, sagt Kraft.
Kurz darauf tritt Mohammad Rasooly ein. Der 32–jährige Afghane ist 2021 nach Berlin gekommen, im Gepäck ein anerkannter Bachelor in Volkswirtschaftslehre und fünf Jahre Arbeitserfahrung im Management–Bereich. Langfristig will er genau da wieder hin. „Wir sollten über den weiteren Weg sprechen, bis sie den Job machen können, den sie möchten“, sagt Kraft und erklärt den Jobturbo. Als Asylbewerber durfte Rasooly bisher nicht arbeiten. Das ist nun anders.
Rasooly hat schon einmal bei einem Bäcker probegearbeitet. „Sie wollten mich nur, wenn ich Voll– oder Teilzeit arbeite. Ich kann aber nur zehn Stunden pro Woche, weil ich meinen B2–Berufssprachkurs habe“, erklärt er. Dieser Kurs ist so konzipiert, dass auch außerhalb des Kursraums gelernt werden muss. Rasoolys Tag ist deswegen durchgetaktet; vor und nach dem Kurs übt er in der Bibliothek und zu Hause Deutsch.
Ja zu Job weit unter der eigenen Qualifikation
Dass er jetzt schneller arbeiten soll, findet er gut. „Wir brauchen einen Platz, um unser Deutsch zu üben. Das ist eine gute Chance, Erfahrungen zu sammeln“, sagt er. Oliver Kraft überrascht die Einstellung kaum: „Regelmäßig erlebe ich, dass diese Menschen bereit sind, Jobs weit unter ihrer Qualifikation anzunehmen. Bei den Menschen ohne Fluchterfahrung ist das nicht unbedingt so“.
Eine Woche später, am anderen Ende der Stadt. Die wuchtigen Plattenbauten wirken alles andere als einladend. Früher saß hier die Stasi, heute das Jobcenter Lichtenberg. Hoch oben über den Dächern der Stadt führt Anika Mauer mit energischem Schritt in einen Konferenzsaal. Seit 2017 ist sie bei der Arbeitsagentur, inzwischen verantwortlich für den Bereich Markt und Integration. „Seit November bestimmt der Jobturbo mein Arbeitsleben.“ Zunächst musste geklärt werden, wie dieser in die Praxis umgesetzt werden kann. „Da liegt nun sehr viel Verantwortung bei den Kollegen“, sagt Mauer. Denn sie müssten den Kurswechsel erklären und passende Stellen finden.
Hoffnung auf eine Perspektive im Handwerk
Einer von ihnen ist Frank Naumann (Name geändert). Vor ihm sitzt ein junger Mann in schwarzer Lederjacke, daneben eine Frau, die übersetzt. „Ich möchte arbeiten, ich möchte meine Familie selber versorgen und nicht, dass der Staat das macht“, sagt Ihor Nieviedomov auf Russisch. Ende 2022 floh der 35–Jährige mit Frau und Kleinkind aus der Ukraine, seitdem leben sie im Wohnheim. Er habe aber eine Einschränkung, denn er leidet an Epilepsie. Das war auch der Grund, warum er nicht in der Armee dienen muss, übersetzt seine Begleitung. In Saporischschja habe der Mann in einer Fabrik gearbeitet, die Flugzeugteile baute. Der Arbeitsvermittler schaut skeptisch. „Aber ich bin auch ein begabter Handwerker und könnte mich in diese Richtung weiterentwickeln“, sagt Nieviedomov. „Das ist Musik in meinen Ohren“, reagiert Naumann begeistert. Die Chancen in diesem Bereich seien viel höher.
Doch zunächst müssten die persönlichen Lebensumstände geklärt werden. „Die brauchen eine Wohnung, dann einen Kita–Platz und Arbeit. Es bringt doch nichts, wenn der Kita–Platz in Lichtenberg ist und sie dann eine Wohnung in Spandau finden“, erklärt der Arbeitsvermittler. Weil die Kosten in den Wohnheimen exorbitant hoch sind, dürfte das auch im Interesse des Bezirks liegen. Doch für all das sind unterschiedliche Behörden zuständig. „Diese Unterstützung kann das Jobcenter alleine nicht leisten“, sagt Naumann und genehmigt ein Coaching, das dem Ukrainer auch bei Bewerbungen helfen soll.
Unternehmer geht mit gutem Beispiel voran
Der Geschäftsführer des Jobcenters Lichtenberg, Lutz Neumann, setzt für einen Erfolg des Jobturbos auch auf die Arbeitgeber. „Wichtig wird, auf die individuelle Lebenssituation einzugehen. Mit 0815 wirst du da nichts erreichen“, sagt er. Einige Arbeitgeber gingen mit gutem Beispiel voran. Doch mitunter signalisierten sie anfangs Interesse — um dann, wenn es an die Einstellungen ginge, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse der Betroffenen abzuspringen.
Ganz anders ist das bei Ulrich Temps. „Sprache, Sprache, Sprache — an der geht nichts vorbei“, weiß der Familienunternehmer aus Sachsen–Anhalt. Die Wirtschaft müsse viel mehr in die Verantwortung genommen werden bei der Arbeitsmarktintegration Geflüchteter, sagt er in Berlin. Temps spricht bei einem Fachkräftekongress des Arbeitsministeriums. Was das Geheimnis sei, dass alle Azubis von Temps Malereibetrieben trotz Sprachbarrieren seit Jahren die Prüfungen bestehen, will die Moderatorin wissen. Temps antwortet prompt: Der Fakt, dass sie pensionierte Gymnasiallehrer in Teilzeit angeheuert haben, die im hauseigenen, 2016 gegründeten Schulungszentrum beim Deutscherwerb nachhelfen. Dazu gebe es eine Juristin, die die neuen Mitarbeiter bei Behördengängen unterstütze. 500 000 bis 600 000 Euro stecke das Unternehmen pro Jahr in das Zentrum — aus Überzeugung. „Es ist eine Investition in die Zukunft“, ruft Temps ins Mikro. Die Vorteile zeigten sich: Andere Betriebe würden sterben. Der Altersdurchschnitt seiner Belegschaft sei hingegen seit 2007 gleich geblieben.