Man muss es wohl ein modernes Medienereignis der anderen Art nennen: Am Donnerstagabend kamen der reichste Mann der Welt Elon Musk und die Vorsitzende der AfD, Alice Weidel, zum lockeren Austausch auf X zusammen, der Plattform Musks, die 420 Millionen Nutzer weltweit und 16 Millionen allein in Deutschland zählt.
Gut 200.000 Menschen hörten zeitweise schließlich zu, als der US-Milliardär es erneut machte und seine Wahlempfehlung für Weidels teils rechtsextreme Partei wiederholte. Die Menschen wollten Veränderung und die einzige Möglichkeit dafür sei, die AfD zu wählen. „Nur die AfD kann Deutschland retten. Ende der Geschichte", so Musk.
150 EU-Beamte hörten mit
Interessiert gelauscht haben dürften da die Bundestagsverwaltung, die prüft, ob es sich um eine Beeinflussung des Wahlkampfs oder illegale Parteispende handelt sowie laut Medienberichten auch 150 (!) EU-Beamte mit ähnlichen Motiven. Der für, wohlwollend ausgedrückt, provokante Postings in hoher Frequenz bekannte Musk hatte die AfD schon zuvor nicht nur als „letzten Funken Hoffnung“ für Deutschland bezeichnet, sondern auch Spitzenpolitiker wie Kanzler Olaf Scholz, Frank-Walter Steinmeier (beide SPD) und Robert Habeck (Grüne) in Reihe beleidigt, was manch Beobachter in Brüssel und Berlin als illegitime Einmischung betrachten.
Das auf englisch geführte Live-Gespräch begann dabei zunächst mit dem Thema Energiepolitik, was angesichts der hier eigentlich unvereinbaren Positionen Musks und der AfD nicht uninteressant ist. So musste Ökostrom-Fan Musk dann auch Weidels Aussage ergänzen, wonach es komplett irre sei, ein Land nur mit Wind- und Sonnenenergie zu betreiben.
Musk erwiderte, dass mit erneuerbarer Energie sehr viel möglich sei, diese aber natürlich fossile oder nukleare Ersatzkraftwerke bräuchten, zumal Deutschland im Winter doch ein recht dunkler Ort sei. Einig war man sich dann, dass es keine gute Idee war, die Kernkraftwerke mitten in einer historischen Energiekrise abzuschalten. „Das ist eine der verrücktesten Sachen, die ich je gesehen habe“, sagte Musk.
Danach ging es um die deutsche Bürokratie. Ob er sich die Zustände hierzulande vorstellen könnte, fragte Weidel, die seit Tagen sichtlich auf das Gespräch hinfieberte und mit einem Countdown bei X Werbung für das „Treffen“ machte („Noch 3 Tage…“). Tatsächlich könne er das ganz gut, antwortete Musk, der in Grünheide bei Berlin eine Elektroauto-Fabrik betreibt.
25.000 ausgedruckte Seiten für Tesla-Werk
25.000 ausgedruckte Seiten, von denen auch noch Kopien angefertigt werden mussten, habe das Genehmigungsverfahren dort beansprucht, obwohl ihn Bundes- und Landesregierung redlich unterstützt hätten. „Buchstäblich eine Lastwagenladung an Papier“ sei bewegt worden, so Musk. Dass das nicht online gehe, sei „komplett verrückt“. Dass die Brandenburger AfD damals gegen das Tesla-Werk Stimmung gemacht hatte, erwähnte Weidel dann lieber nicht. Weidel wirkte zunächst nervös und sprach unsicheres Englisch, wurde im Laufe des Gesprächs jedoch immer sicherer.
Wer bis dahin von starken Überspitzungen ohne Belege zu Themen abgesehen allzu steile Thesen vermisst hatte, wurde spätestens bedient, als es ums Thema Meinungsfreiheit ging. Weidel verglich aktuelle Versuche in Europa soziale Medien zu regulieren mit Adolf Hitlers Kontrolle über die Medien nach der Nazi-Machtergreifung. Hitler sei auch, da waren sich Musk und Weidel einig, kein Rechter gewesen, sondern eine Art kommunistischer Sozialist. Anders als Musk würde hier der ein oder andere Historiker wohl entschiedene Gegenrede leisten.
Die AfD, so Weidel, sei das Gegenteil der Nazis, nämlich libertär-konservativ. Um zu unterstreichen, dass die AfD Musks Ansicht nach nichts mit Rechtsextremismus zu tun habe könne, fragte er Weidel nach dem Existenzrecht Israels und reagierte beruhigt, als die AfD-Chefin dieses bekräftigte. Weidel betonte, dass es Aufgabe Deutschlands sei, jüdisches Leben hierzulande zu schützen, ja die AfD sogar die einzige Schutzmacht der Juden in Deutschland sei. Eine Einschätzung, die der Zentralrat der Juden in Deutschland allerdings nicht teilt. Der Verband hat vor einem Erstarken der AfD gewarnt und bezeichnet sie als „völkisch-rechtsextreme“, „antiwestliche“ Partei mit einer „ganz offensichtlichen antisemitischen Ideologie“.
Zum Abschluss fragte Weidel Musk nach seinen Plänen für den Mars. Der Chef des Raumfahrtunternehmens Space X will die Präsenz der Menschheit auf mehrere Planeten ausdehnen, um deren Überleben langfristig zu sichern. In den kommenden zwei Jahren will er dafür unbemannte Raumschiffe zum Mars zu schicken, in vier Jahren sogar Menschen, um einen „Resetpunkt“ für die Zivilisation zu haben, sollte es zu einer globalen Katastrophe auf der Erde kommen. Zumindest manche der 150 lauschenden EU-Beamten wünschen sich wohl, Musk würde sich mit auf den Weg machen.