Lehrermangel, Unterrichtsausfall, alarmierende Ergebnisse bei Leistungstests: Seit vielen Jahren geben die Schulen in Baden-Württemberg ein trauriges Bild ab. Doch offenbar fruchten nun die ersten Maßnahmen der Bildungspolitik. Zum Start des neuen Schuljahrs gibt sich Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) optimistisch, alle offenen Lehrerstellen besetzen zu können. Daten und Fakten zur Lage an den Schulen und zu den größten Herausforderungen:
Lehrkräfteversorgung: Mehr als 4.650 Stellen wurden für das neue Schuljahr ausgeschrieben, aktuell sind davon noch 250 Stellen unbesetzt. Allerdings waren es im Vorjahr zur selben Zeit noch 565 offene Stellen, vor zwei Jahren sogar 890. Die Zahlen entwickeln sich also positiv, zumal damit gerechnet wird, dass die offenen Stellen bis Ende September noch vergeben werden. Schopper führt das unter anderem auf den 18-Punkte-Plan ihres Hauses zur besseren Unterrichtsversorgung zurück, der nach dem Prinzip Eichhörnchen auf viele Stellschrauben setzt. Die Maßnahmen reichen von mehr Studienplätzen über die Möglichkeit des Direkteinstiegs von Studienabsolventen ohne Lehramtsbefugnis bis zur Reduzierung von Teilzeit. Zudem kehren mehr junge Mütter aus der Elternzeit zurück als in den Vorjahren. Auch die Pensionierungswellen werden kleiner.
15.000 mehr Schülerinnen und Schüler an den Grundschulen
Schülerzahlen: An den Grundschulen wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler aufgrund von geburtenstarken Jahrgängen sowie Zuwanderung – vor allem aus der Ukraine – nochmals deutlich steigen, um rund 15.000. Schopper sprach von einem „dicken Brett“. Geht man von maximal 28 Schülern pro Grundschulklasse aus, müssen 535 zusätzliche Klassen gebildet werden. Entsprechend ist der Lehrerbedarf an den Grundschulen nach wie vor am größten, dort werden mehr als 1.100 neue Lehrkräfte eingestellt.
G9/G8: Die schrittweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ab 2025/26 spielt im neuen Schuljahr noch keine Rolle. Allerdings müssen die Gymnasien bald entscheiden, ob sie parallel zum G9 weiterhin einen G8-Zug anbieten wollen. Den müssen sie aus eigenen Bordmitteln ohne zusätzliches Geld stemmen, der organisatorische Doppel-Aufwand ist hoch. Auf die Zahl der gymnasialen Lehrkräfte wirkt sich G9 noch nicht aus. Vielmehr werden ab dem Schuljahr 2025/26 für einige Jahre zunächst weniger Lehrerinnen und Lehrer gebraucht, da in den Klassen 5 und 6 die Zahl der Wochenstunden sinkt. Erst im Endausbau des G9 bis zum Schuljahr 2032/33 wächst der Lehrerbedarf wieder deutlich.
Sprachförderung: Das Programm „SprachFit“ ist neben G9 die zweite große Bildungsreform im Land. Der Einstieg folgt schrittweise, zunächst im frühkindlichen Bereich in rund 350 Gruppen des vorhandenen Projekts „schulreifes Kind“. Rund 3.000 Kita-Kinder sollen laut Schopper in der ersten Phase dabei sein. Im flächendeckenden Endausbau 2027/28 wird die Sprachförderung vor der Einschulung verpflichtend, wenn Bedarf festgestellt wird. Fehlt es danach immer noch an Sprachkompetenzen, sollen an den Grundschulen Junior-Klassen vorgeschaltet werden. Diese werden erst ab dem Schuljahr 2026/27 eingeführt, wofür dann weitere Grundschullehrer benötigt werden.
Grundschulempfehlung: Zwölf Jahre lang war die Empfehlung der Grundschule für die weiterführende Schule unverbindlich, künftig zählt nicht mehr allein der Elternwille. Dafür muss ab dem neuen Schuljahr an allen Grundschulen in Klassenstufe 4 ein Test (Kompass 4) durchgeführt werden, der bisher freiwillig war. Weitere Kriterien sind der Elternwille sowie die Lehrerempfehlung, die vor allem auf den Noten in Klasse 4 fußt: Für Deutsch und Mathe gilt, dass der Durchschnitt nicht schlechter als 2,5 sein soll, in keinem Fach soll die Note schlechter als 3 sein. Für eine Empfehlung für das Gymnasium müssen zwei der drei Kriterien erfüllt sein. Ist dies nicht der Fall, kann noch ein Potenzialtest an einem Gymnasium absolviert werden. Welche Gymnasien diesen durchführen, ist noch offen.
Die Förderschulen sind Schoppers Sorgenkind
Werkrealschulen: Zum Bildungspaket der Koalition gehört auch der Beschluss, den Werkrealschulabschluss abzuschaffen. Das geschieht aber nicht von heute auf morgen. Wer im neuen Schuljahr in die fünfte Klasse einer Werkrealschule kommt, kann den mittleren Schulabschluss noch machen, Sitzenbleiber sogar noch ein Jahr später. Erst danach gehört der Werkrealschulabschluss endgültig der Vergangenheit an.
Förderschulen: Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sind weiter das größte Sorgenkind Schoppers, die Lage dort „schmerzt mich sehr“, sagt die Ministerin. Zwar wurden in Freiburg 175 zusätzliche Studienplätze für Sonderpädagogik eingerichtet. Bis dies greift, vergehen aber Jahre. Zuletzt lag der Grad der Unterrichtsversorgung an den Förderschulen bei gerade mal 88,5 Prozent, sodass der Unterricht immer wieder gekürzt und durch eine reine Betreuung ersetzt werden muss. Die Ministerin geht davon aus, dass dies auch im neuen Schuljahr so sein wird.